Jürg Frey: Unhörbare Zeit

Ins Unbekannte der Musik

Schweiz 2007. 4:3, Dolby, Farbe+s/w, 113 min.
 

Image: Jürg Frey: Unhörbare Zeit Image: Jürg Frey: Unhörbare Zeit Image: Jürg Frey: Unhörbare Zeit

Ein Musikstück entsteht. Der zweite Film der kleinen Reihe "Ins Unbekannte der Musik": Der Komponist Jürg Frey lässt den Filmautor Urs Graf in freundschaftlicher Nähe an seinem Leben und seinem musikalischen Schaffen teilhaben, lässt ihn miterleben, wie ein Musikstück langsam entsteht, wie es zwischen Ahnung und klarer Vorstellung zu sich findet. Eine diffizile Gratwanderung des Komponisten zwischen gestaltendem Zugriff und der unberührten Schönheit des einfachen und eindeutigen musikalischen Materials. Intime Einblicke in ein künstlerisches Schaffen, das als Inbegriff des Unzugänglichen gilt – über anderthalb Jahre hinweg, bis zur Uraufführung des Stücks.
Das amerikanische Magazin THE NEW YORKER hat die CD «Unhörbare Zeit» an die Spitze der «Top Ten notable recordings of 2016» gesetzt. (edition Wandelweiser)

RegieUrs Graf
KameraUrs Graf
TonUrs Graf
SchnittUrs Graf, Marlies Graf Dätwyler
MusikFrey, Beuger, J.S. Bach, Crusell, T. Johnson, Ch. Wolff, Forqueray, Tallis, Mozart, Haydn
Dauer113 min.
Vorführformate4:3, Dolby
DrehformatDVCam
Verleihversionenschweizerdeutsch/deutsch / Digi-Beta, Beta-SP, DVCam, DVD mit deutschen Untertiteln
UraufführungSolothurner Filmtage 2007
DVD bestellenFilmkollektiv Zürich → Bestellen
Verleih Schweiz
Kontakt, WeltrechteUrs Graf
Blumenfeldstrasse 31, CH-8046 Zürich
+41 44 271 15 14
ursgraf.film@bluewin.ch   www.urs-graf.ch
ProduktionFilmkollektiv Zürich
ISAN0000-0000-DCD5-0000-J-0000-0000-H


Downloads


Pressestimmen

Siehe auch: Pfeil  Pressestimmen zur Aufführung der 3 Filme »Ins Unbekannte der Musik« 2010

Mittelland Zeitung (Solothurner Zeitung, Oltner Tagblatt), Donnerstag, 25. Jan.2007. Verena Zimmermann

Freirume musikalischer Kreativitt ausmessen

Urs Graf bringt mit "Jrg Frey: Unhrbare Zeit" den zweiten Film seines dreiteilig angelegten Projektes "Ins Unbekannte der Musik" zur Urauffhrung

Die Musik, die wir im letzten Drittel von Urs Grafs Film "Jrg Frey: Unhrbare Zeit" hren, ist eine wunderbare intensive Erfahrung, im Hren ebenso wie im Sehen. Jrg Freys Stck "Unhrbare Zeit" geht an subtilste Grenzen von Fragilitt, wirkt mit der sinnlichen Qualitt von Klngen in einer komplexen klaren Struktur. Die Bilder, eine Komposition der Aufnahmen aus vier Kameras, von langsamsten, behutsamen Schwenks, von Nahaufnahmen und Totalen, geben der rumlichen Konzeption des Stcks Ausdruck. Zwar machen wir nicht die Live-Erfahrung des Publikums im Konzertsaal, aber bekommen mit diesen Bildern Momente und Aspekte der Interpretation so vermittelt, wie es nur dem Medium Film mglich ist.

In dieses Konzert mndet der insgesamt 113 Minuten lange Film. Im ersten, lngeren Teil hat Urs Graf schrittweise das Entstehen dieses Musikstckes verfolgt. Nun erkennt man manches wieder. So vieles, was Jrg Frey whrend des Arbeitsprozesses skizziert hatte, ist da, hat sozusagen Gestalt angenommen. Fast, als wrden Versprechen eingelst. Auch deshalb sind Hren und Sehen so eindrcklich.

"Was eigentlich ist Still-Werden... Was geht da vor, wenn es still wird?" fragt der mit Jrg Frey befreundete Komponist und Musiker Antoine Beuger in einer frhen Szene des Films. Tags zuvor hatte Jrg Frey als Klarinettist an der Auffhrung eines Stcks von Beuger mitgewirkt. Frh auch spricht Jrg Frey zu Urs Graf von der Vorstellung eines stehenden Klangs in einem Raum, in dem vier Streicher und zwei Schlagzeuger nicht wie blich eng beieinander spielen, sondern "den ganzen Auffhrungsort ausfllen, also Raum einnehmen... Und gleichzeitig hatte ich die Vorstellung, ...der Raum ist da und es ist ein stehender Klang von diesen Streichern und den zwei Schlagzeugern - das ist quasi die Ausgangssituation..." Der stehende Klang, ein ganzes Stck lang, er wre perfekt, berlegt Jrg Frey weiter, "aber kompositorisch ... kein Wagnis. ...diese Situation... - ja, man muss sie zerstren."

Vierzehn Monate spter, Anfang Mrz 2006, als das Stck von dem kanadischen Bozzini-Quartett und den Schlagzeugern Tobias Liebezeit und Lee Ferguson im Kultur- und Kongresshaus Aarau uraufgefhrt wird, hren wir eine Spur noch des stehenden Klangs. Hren raumgreifende Stille. Hren Klnge, Gerusche, nach denen Jrg Frey getastet hatte, das Reiben von Stein auf Stein, das Rascheln drren Laubes. "... je konkreter die Klnge werden, desto grsser ist...die Gefahr... -die Klnge haben ja eine starke sinnliche Qualitt und die Klnge melden sofort ihre eigenen Bedrfnisse an, von Anwesenheit, von Dauer und von sinnlicher Prsenz": Immer wieder nimmt Jrg Frey whrend des Kompositionsprozesses Distanz, reduziert, wehrt sich gegen das berhandnehmen von Ideen, die leicht den Weg zu dem Stck, "von dem ich eine gefhlsmssig atmosphrische Vorstellung habe", verstellen knnten.

Obwohl sich manches von diesem differenzierten musikalischen Denken nur schwer in Worte fassen lsst, setzen sich viele Ausfhrungen doch fast bildlich fest und lassen einen fasziniert und neugierig diese ungewhnliche filmische Recherche weiterverfolgen. Mehrere Motiv- und Themenstrnge sind ineinandergeknpft. Zwanglos haben Jrg Frey und seine Familie mit der Tochter, den zwei Shnen und mit Elisabeth Frey-Bchli, die wir am Clavichord, am Cembalo, am Klavier und an der Orgel hren, an ihrem Alltag mit der Kamera teilnehmen lassen. Was als Lebenslandschaft sichtbar wird und der unspektakulre Alltag wirken als grosser Freiraum fr eine Kreativitt, die ber den Rahmen des Vertrauten hinausgeht.

Blicke ins Draussen, auf Herbstbltter, auf Rauhreif, ins lautlose Schweben weisser Samen im Wind legen die Spur der laufenden Zeit durch den Film hindurch. Urs Graf montiert - mit Marlies Graf Dtwyler - Bilder, die Klngen gleichen. Die nachts aufgenommenen Bildnotizen - Details, Bcherrcken, Fotos, kleine Gegenstnde, Zettelnotate - fassen Stille, ein Lichtstreifen fhrt ber das Bild: Zeit, einen Augenblick lang. Unhrbar.

Das Interesse fr neue Musik und fr ein "Schaffen, das ber die Grenzen der (eigenen) sthetischen Konventionen hinaus zu gelangen versucht", hat Urs Graf bewogen, drei Filme mit drei zeitgenssischen Komponisten unterschiedlicher musikalischer Ausrichtungen zu realisieren. Den ersten, "Urs Peter Schneider: 36 Existenzen", hat er an den letzten Filmtagen uraufgefhrt; einen dritten Film wird er mit Annette Schmucki drehen.