Annette Schmucki: Hagel und Haut

Schweiz 2010. 4:3, Dolby, Farbe, 108 min.
 

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Der dritte Film „Ins Unbekannte der Musik“: Die Komponistin Annette Schmucki lässt den Filmautor Urs Graf über zwei Jahre hinweg an ihrem Leben und ihrem musikalischen Schaffen teilhaben – lässt ihn miterleben, wie ein Musikstück entsteht, von den allerersten Ahnungen bis zur Uraufführung. Nach vier Monaten des Arbeitens sagt sie: „Ich wüsste jetzt genau wie weiter, wie man halt so ein Stück zu machen pflegt, aber ich will das nicht; mir ist wichtig, jederzeit meine Wachheit zu bewahren, sodass immer die Chance besteht, dass mir etwas unerwartetes begegnet, etwas das hinaus geht über das, was ich mir vorstellen, was ich denken kann.“ Und später, als das Stück Form anzunehmen beginnt, sagt sie: „Ich wünsche mir für die Aufführung in Zürich, dass diejenigen, die dann beim Zuhören etwas befremdet, etwas irritiert sind, sich ob ihres Staunens, ob ihres eigenen Erstauntseins freuen können.“
www.blablabor.ch

RegieUrs Graf
DrehbuchUrs Graf
MitwirkendeMusik:

Collegium Novum Zürich
Imke Frank, Martina Schucan (Violoncelli)
Matthias Kuhn (Leitung)

Neue Vocalsolisten, Stuttgart

blablabor
KameraUrs Graf
TonUrs Graf
SchnittUrs Graf, Marlies Graf Dätwyler
MusikAnnette Schmucki
MitarbeitKonzertaufnahmen:
Ton: Christian Beusch
Bild: Otmar Schmid, Urs Kohler, Ueli Nüesch, Claudia Pfister
Regie-Assistenz: Elisabeth Wandler-Deck
Ton-Assistenz: Alan Bagge, Gian Caprez
Dauer108 min.
Vorführformate4:3, Dolby
DrehformatDVCam
VerleihversionenDVD mit deutscher Untertitelung des Schweizerdeutschen
Uraufführung2010
Verleih SchweizLookNow!
Bea Cuttat, Gasometerstrasse 9, CH-8005 Zürich – info@looknow.ch
Tel. +41 44 440 25 44 – Fax +41 44 440 26 52 – www.looknow.ch
WeltrechteUrs Graf, Blumenfeldstr. 31, 8046 Zürich
ursgraf.film@bluewin.ch
ProduktionFilmkollektiv Zürich
ISAN0000-0000-DCD6-0000-O

Pressestimmen


Aufführung des Zyklus »Ins Unbekannte der Musik« Herbst 2010

DISSONANCE

Urs Graf: Ins Unbekannte der Musik. Ein Musikstück entsteht.

Drei Filme: Urs Peter Schneider, Jürg Frey, Annette Schmucki Filmkollektiv Zürich

Mathias Spohr

Die Filme des Filmkollektiv Zürich, das einst aus den Umwälzungen der frühen 1970er-Jahre und ihrer Reflexion der Autorschaft hervorgegangen ist, behandeln des Öfteren die zeitgenössische «ernste» Musik. Urs Graf, der von Anfang an dabei war, hat nun den letzten Teil seiner Trilogie von Komponistenportraits vorgestellt. Den Anfang im Jahr 2005 machte der Film 36 Existenzen über Urs Peter Schneider, 2007 folgte Unhörbare Zeit über Jürg Frey, und nun ist der letzte Teil mit dem Titel Hagel und Haut über Annette Schmucki präsentiert worden.

Graf schildert in jedem dieser Filme das Entstehen eines musikalischen Werks mindestens über ein Jahr hinweg. Der Werktitel ist dann jeweils zum Filmtitel geworden. Es sind unabhängige Autorenfilme im klassischen Sinn – die ihrerseits das Leben und Werk von Auto­ren auf dem Gebiet der Musik behandeln. In dieser Mise-en-abyme-Konstellation («Der Autor wird betrachtet vom Autor») sind sie so etwas wie Symbole der unabhängigen Kreativität. Die 0ff-Stimme des Filmers, mit der er Korrespondenz rund um die Filmaufnahmen wiedergibt, signalisiert sein lebhaftes Interesse für diese Musik und die Bedingungen ihres Entstehens. Dass die Portraitierten ihm Einblicke in ihr Privatleben gestatten, bestätigt die Glaubwürdigkeit seines Unterfangens. Dabei wird der Beobachter mit der Kamera niemals zum unbeteiligten Voyeur, sondern bleibt ein Gast und Gesprächspartner. Grundsätzlich ergreift er Partei für die portraitierte Person, glaubt an ihre Pläne und äussert seinen Widerspruch (den es in entscheidenden Momenten durchaus gibt) nur offen im persönlichen Gespräch. Der Zuschauer, sofern er sich von der Darstellung ange­sprochen fühlt, übernimmt die Perspektive des Filmers, ohne sich in eine Rolle gedrängt zu fühlen, und versteht sich mit ihm zusammen als interessiertes Gegenüber. So entstehen drei einfühlsame Portraits, die nicht bloss für ein Fachpublikum verständlich sind, sondern auch für diejenigen, die sich wundern, wie jemand dazu kommt, so «schräge» Musik zu schreiben.

Komponieren sei nichts Abgehobenes, sondern eine ganz alltägliche Sache, so lautet eine Hauptbotschaft dieser Trilogie. Heldenverehrung findet nicht statt. Vielmehr kann auch der durchschnittliche Fernsehzuschauer in Grafs Filmportraits eigene Wünsche und Vorstellungen erkennen, wenn er sie auch nicht auf diese Weise formulieren oder selbst zu Musik machen würde. Dem musikalisch sensibilisierten Zuschauer wiederum fällt die Vielfalt des Filmtons auf. «Filmmusik» wird nur sehr sparsam eingesetzt, während die akustische Atmosphäre der Drehorte sehr differenziert wiedergegeben ist. «Störgeräusche» werden auch in Gesprächssituationen nicht vermieden, sondern mit einbezogen und dominieren manchmal geradezu. Stets ist ein Aussen präsent, das die Konzentration auf das scheinbar Wesentliche beeinträchtigt, ob das nun Maschinen oder lachende Kinder sind. Für Grafs Dokumentation ist offensichtlich wichtig, welche Klänge diese Komponisten im Alltag umgeben: Naturlaute, Menschenstimmen, Maschinengeräusche, eigenes und fremdes Musizieren, Nachhall in grossen und kleinen Räumen. Die «Verräumlichung» der alltäglichen Klänge scheint ein filmisches Hauptinteresse zu sein. Solche unbewussten, erst durch ihre Aufzeichnung bewusst gemachten Inspirationsquellen überlagern die sprachlich artikulierten Ideen.

Allen drei Komponisten gemeinsam sind das Interesse für Sprache (auch wenn nicht eigentlich «Vertonungen» komponiert werden), das Bewusstsein der Räumlichkeit von Musik (das vielleicht ein Kriterium für Grafs Auswahl war) und das Bemühen, die erprobten Pfade zu verlassen, Abstand vom eigenen Geschmack zu nehmen, Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und Risiken einzugehen. Den Schreibtechnologien, die das möglich machen, widmet Graf grosse Aufmerksamkeit: Noten, Buchstaben, Tabellen, Graphiken auf Zetteln oder grossformatigem Zeichenpapier, von der Handschrift über die mechanische Schreibmaschine bis hin zur Computernotation.

Es sind ruhige Filme in der Hinsicht, als sie um das Thema «Zeit haben» oder «sich Zeit nehmen» kreisen statt um den Leistungsdruck einer Auftragsarbeit. Vielleicht wirkt es ein wenig schematisch, dass eine Phase des Stockens oder des Zweifelns als Gefahr des Schei­terns jeweils den «vierten Akt» des Dramas bildet, als Retardation vor dem Happy End der Fertigstellung und Uraufführung: Eine Idee erwies sich als Sackgasse, Krankheiten, Konzerttourneen, familiäre Verpflichtungen verzögern den Fortgang oder schaffen erst den Freiraum, in dem das Stück nach langer fruchtloser Bemühung wie von selbst Form annehmen kann.

Die drei portraitierten Schweizer Komponisten könnten kaum unterschiedlicher sein: Ihr Nestor Urs Peter Schneider ist ein begabter Redner und geistreicher Musikphilosoph; ein sympathischer Snob, Patriarch und eine herausragende Künstlerpersönlichkeit in einem, wie es dies noch ungefähr bis zur 68er-Generation geben konnte oder durfte. Jürg Frey, eine Generation jünger, gibt sich dagegen nicht mehr als Autorität, wirkt bescheidener und vorsichtiger, und die nochmals dreizehn Jahre jüngere Annette Schmucki gehört bereits einer Frauengeneration an, die nicht mehr grundsätzlich um Anerkennung kämpfen muss, sondern einfach «machen kann».

Sehr schweizerisch ist, dass die Portraitierten keine soziale Identität vor sich hertragen, also niemals sagen «Ich als Arbeiter» oder «Ich als Grossbürger» – nicht einmal «Ich als Frau», während dies im Hintergrund durchaus eine Rolle spielt. Vor allem beim Kochen und Essen im einfachen Rahmen verwischen die Unterschiede. Doch die betont alltäglichen Tätigkeiten und Umgebungen geben mannigfach Gelegenheit zur Selbstinszenierung. Enthüllung und Maskierung gehen Hand in Hand, wenn da gezeigt werden soll: So bin ich wirklich. Witzig zum Beispiel ist es, wie Schneider vor einem Wasserrohr im Bastelraum Weltbewegendes zum Besten gibt, was eine Generation zuvor eher vor Bücherwänden mit Klassikern im Goldschnitt ablief. Neben solch wuchtigem Understatement wirken Freys flüchtige kom­positorische Notizen auf der Plastiktonne im Garten eher schüchtern. Schmucki dagegen hat nichts vom Bonvivant oder armen Poeten, sondern gehört bereits zu einer Generation, der Sozialkompetenz und Selbstmanagement eingetrichtert wurden. Gute Organisation und zielgerichtetes Arbeiten überwinden da bald einmal den Gestus des Suchens und Zweifelns, der im Vorfeld sozusagen dazugehört.

Schneider ist ein Pygmalion oder Prometheus, der dem Göttlichen seine Privilegien raubt. Mit seinen 36 Existenzen hat er nicht nur Musikstücke geschaffen, sondern veritable Menschen geboren, seiner Andeutung nach sogar Heilige – und wie Pygmalions belebte Statue entspringt unversehens eine «Freia Einsam» seiner Karteikarte, als weibliches Wunschbild einer freien, aber einsamen Komponistenexistenz. Graf geht den verschmitzten Selbstinszenierungen noch mit weniger Distanz auf den Leim als in den beiden neueren Filmen. In Schneiders Musik, die nicht angestrengt wirkt, bricht dann das Sinnliche des Musikanten durch, allen neu entdeckten Parametern und mathematischen Konstellationen zum Trotz. Der «Kitt» zwischen den Tönen, den John Cage nicht mochte, fehlt bei diesen «Existenzen» durchaus nicht, und es ist angenehm so, weil es nach traditionellen Vorstellungen gut klingt – nicht unähnlich dem Dramatiker Bertolt Brecht, der das Publikum zwar belehren wollte, aber dann doch einfach spannende und komische Situationen auf die Bühne brachte.

Erheblich radikaler hat Jürg Frey eine «Nichtmusik» komponiert: unprätentiös, ehrlich, ohne viel erklären zu wollen oder zu müssen; da zeigt sich kein Triumph der Schaffenskraft, sondern eine äusserst respektvolle, zurückhaltende Einstellung gegenüber dem musikalischen «Material». Der Beobachter Graf äussert sich zunächst irritiert über die Ansicht, dass Material nicht einfach zum Gestalten da sei, und versteht Freys Absichten erst im Lauf der Entstehung. Gleichsam als Abbildung dieses Lernprozesses fügt er Zwischenschnitte mit bewegt beleuchteten «Stillleben» ein, ähnlich wie man Ende des 18. Jahrhunderts Statuen in bengalischem Feuer präsentierte. Hier geschieht keine Animation; nur das Flackern der Wahrnehmung belebt das Material, ohne es aus seiner Ruhe zu bringen. So entstehen Klangflächen, die sich permanent gegen die Versuchung sträuben, etwas  fortspinnen oder durchführen zu müssen. Freys erste Vision von seinem Stück ist ein halbstündiger stehender Klang, dessen «Perfektion» es im Lauf der Arbeit allerdings zu zerstören galt. Das Ergebnis strengt an beim Hören, aber sobald man sich damit abgefunden hat, dass nichts «passiert», bekommen diese Flächen ein Eigenleben, werden vielfältige Schwebungen hörbar, oder es wird dasselbe einmal als Ton, ein andermal als Akkord, Geräusch oder Obertonstruktur wahrgenommen. Und besondere Aufmerksamkeit fällt auf das konzentrierte Atmen der Musiker und Zuhörer, auf all die Nebengeräusche, die schon in Grafs Portrait eine Rolle spielten.

Gegenüber dieser in sich ruhenden Konsequenz ist Schmucki möglicherweise noch weniger gefestigt in ihren Absichten. Einmal geht sie von weissen Papierballons aus und ein andermal von Hagelkörnern, verwirft ein daraus gewonnenes Zahlensystem von «Transparenzen», spürt wieder der unscharfen Bedeutung von Wörtern nach und komponiert, wenn es ernst wird, doch routiniert drauflos – wie es Graf in diesem Moment auch moniert. Gewiss: Von all den anfänglichen Anregungen ist im Endprodukt etwas enthalten. Schmucki denkt nicht in barocken Mäandern wie Schneider, sondern in kurzen, scharfsinnigen Aphorismen, und auch ihre Musik klingt ein bisschen danach. Am meisten überzeugt mich darin die auskomponierte Beziehung von Sprachlaut und musikalischem Laut in der Kombination von Vokal- und Instrumentalklängen. Inspirationsquellen zu diesen Sprach-Musik-Lauten, so scheint es mir zumindest nach dieser Filmdokumentation, sind vielleicht gar nicht diese angestrengten Überlegungen, sondern eher die spezifische Akustik des Dorfs Cormoret im Berner Jura im Gegensatz zur städtischen Unruhe in Zürich, die Artikulationen ihres kleinen Sohns oder auch die Schlagzeugklänge ihres Manns, wie sie Urs Graf mit seinem audiovisuellen Portrait eingefangen hat.

DISSONANCE 113 (März 2011) – Auszug online: www.dissonance.ch


Schweizer Musikzeitung

Der ruhige Gang der Zeit beim Entstehen von Musik

In drei berührenden Porträtfilmen begleitet der Filmemacher Urs Graf zwei Komponisten und eine Komponistin beim Schaffensprozess.

Thomas Meyer

Wie intim, wie privat soll der Blick sein? Wie genau darf/soll/muss man hinschauen, wenn der Künstler ein Werk schafft? Ist es relevant, was er sich dabei gedacht hat? Oder gilt die Musik, das autonome Werk, allein? Ein alter Streitpunkt nicht nur in der Musikwissenschaft: Biografik. An wen dachte Beethoven bei seiner Fernen Geliebten? Tatsache ist, dass Musikvermittlung häufig über solche biografischen Fragen abläuft. Aber es ist komplizierter. Der Alltag spielt eine Rolle. Deshalb müsste man schon in die Werkstatt des Künstlers hineinschauen, bei ihm zuhause vorbeigehen. Aber Homestories: Das ist doch ärgster Boulevard!

Gerade deswegen ist so verblüffend, was in den drei Komponistenporträts des Zürcher Filmemachers Urs Graf geschieht. In der zwischen 2003 und 2010 produzierten Trilogie unter dem Titel Ins Unbekannte der Musik hat er nacheinander Urs Peter Schneider, Jürg Frey und Annette Schmucki, drei Komponisten auf verschiedenen Altersstufen, bei der Entstehung eines neuen Werks begleitet, beobachtet, befragt. Den Abschluss der zwischen 92 und 113 Minuten dauernden Filme bildet jeweils eine Aufführung des fertigen Stücks.

In diesen Filmen spielt der ruhige Gang (und weniger der schnelle Lauf) der Zeit eine entscheidende Rolle. Die Monate, der Wechsel der Jahreszeiten, das Wetter sogar, und darin der Alltag mit seinen Zyklen: Stundengeben, Konzerte, Gartenarbeit, Einkaufen, Kochen, gemeinsames Essen. Wenn man die Familie beim Mittagstisch sieht oder zuschaut, wie der Weihnachtsbaum geschmückt wird, so könnte das tatsächlich an eine Homestory erinnern – mit dem grossen Unterschied: In den Illustrierten geben die Prominenten ein schönes Bild von Privatheit preis, unverbindlich und in Szene gesetzt. Gewiss: Auch hier haftet den Alltagssituationen etwas Inszeniertes an. Eine Familie ist es nun mal nicht gewohnt, wenn ihr eine Kamera beim Mittagessen zuschaut. Dennoch wirkt das nicht peinlich. Die Privatheit hier ist ein Umfeld, es bietet uns Gelegenheit, den Künstler bei der Entstehung der Musik zu umkreisen und allmählich näher an ihn heranzukommen, tiefer in sein Denken einzudringen.

Hinausgehen ins Unbekannte

Aus dem persönlichen Umfeld heraus: dort und nirgends sonst entsteht das Stück, zwischen anderen Tätigkeiten, soviel Zeit man dem Alltag gerade zu stehlen vermag. Der Komponist oder die Komponistin begibt sich dazwischen auf einen Weg: Vorstellungen tauchen auf, sind anfangs noch wenig konkret und strukturiert, ein Wirrwarr. Es gibt Umwege, Abwege. Es sei ihm, sagt Graf, nicht nur darum gegangen, wie ein Stück entsteht, sondern vielmehr, wie der Künstler die Konventionen hinter sich lässt, wie er weitergeht und eben Ins Unbekannte der Musik vordringt. Dieses Moment, das uns alle betreffe, habe ihn zutiefst interessiert.

Denn der Künstler, wenn er kein allzu selbstsicherer oder gar selbstverliebter Macher ist, weiss zu Beginn noch keineswegs, wohin er gelangt, ja er hofft eigentlich, dass er irgendwohin gelangt, wo er noch nie war. Deshalb sucht er auf mehreren Wegen. Vom einen glaubt er vielleicht sogar, dass es der falsche sei, und doch taucht das dabei gefundene und entwickelte Material plötzlich wieder anderswo auf. Ideen, die zunächst klar und reizvoll schienen, werden auf einmal in Zweifel gezogen. Der Künstler entwickelt dabei Techniken, um von seinem persönlichen Geschmack wegzukommen und zu Resultaten zu gelangen, die ihn selber überraschen. Urs Peter Schneider: «Wenn ich einfach so aus dem Bauch komponiere, bin ich ein Sklave meiner Biografie, meiner Erfahrungen, meiner musikalischen Erkenntnisse […], und was dabei herauskommt, ist etwas, grob gesagt, wie Erbrochenes, was mir zu persönlich und für mich zu wenig interessant ist.» Deshalb gebe er sich ein Regelsystem vor, das ihn bezüglich des Resultats selber in Unsicherheit versetze. Er wolle mit dem neuen Stück eine Substruktur entwickeln, die noch viel geheimnisvoller sei.

Der Traum vom Gestalten

Der Regisseur geht äusserst behutsam vor, meldet sich aus dem Off zu Wort, indem er Ausschnitte aus dem Mail- und Briefwechsel mit den Künstlern liest und so Stationen markiert, er stellt Interviews dazwischen, in Dialekt, weil dabei die Formulierungen weniger geschliffen daherkommen, und lässt den Befragten Zeit. Die Struktur der drei Filme ist dabei sehr ähnlich, d.h. sie lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf sich, sondern macht vielmehr die Unterschiede zwischen den dreien sichtbar. Der Film kommt ihnen nahe. Es ist eine Begegnung auf mehreren Ebenen.
Graf, Mitglied des Filmkollektivs Zürich, hatte für die Trilogie eine gewisse Unterstützung vom Schweizer Fernsehen DRS und 3sat, ausserdem von offiziellen Stellen wie dem Bundesamt für Kultur, von Kantonen, Städten, Stiftungen. Und doch reichte das längst nicht aus für eine aufwendige Teamarbeit: Er musste dieses Projekt allein realisieren. Nicht nur aus diesem Grund jedoch war er als Ein-Mann-Equipe unterwegs, verantwortlich für Buch, Regie, Kamera, Ton, Montage, Produktion: die Kamera geschultert, selber interviewend und zuschauend. Es war auch die einzig praktikable Möglichkeit, denn die Arbeit war zerstückelt, einzelne Tage über mehrere Monate – wenn der Künstler vielleicht wieder ankündigte: Jetzt sei es wieder soweit; jetzt könne er etwas Neues berichten.

Im Unterschied zu Fernsehporträts, wie sie sonst zu sehen sind, ging es auch nicht um fixfertige Statements zum Werk. Graf war es wichtiger, die drei Komponisten zum spontanen Sprechen und zum Nachdenken zu bewegen, auf dass sich etwas vom Kompositionsprozess in der unmittelbaren Denkarbeit äussere. In diesem Sinn gehen die drei Porträts über die blosse Vermittlung Neuer Musik hinaus (obwohl dies ein schöner Nebeneffekt ist). Sie leisten Grundsätzliches: Verständnis für diese dem gewöhnlichen Alltag oft so fernen Bedürfnisse von Künstlern. Eigentlich nämlich erzählen sie von einem Traum, den mancher auch sonst haben mag und den er aus seinem Alltag heraus nicht zu verwirklichen vermag: Etwas Eigenes und Eigenartiges und Einzigartiges zu gestalten, was es vielleicht noch nicht gegeben hat. Dies zu schaffen aus einer Schlichtheit des Seins, ohne die Homestories der Stars, ohne helles Scheinwerferlicht. Grafs Porträts führen einem vor Augen, wie sehr in der Eventkultur heute eben dieses Abseitige, Umweghafte, Unwägsame, Unbekannte fehlt, dieses zu Träumende in einer Zeit, in der es am Wichtigsten mangelt: an der Zeit.

 

15. September 2010, Neue Zürcher Zeitung

Guckloch in eine unbekannte Welt

«Ins Unbekannte der Musik»: drei Dokumentarfilme von Urs Graf im Filmpodium Zürich

Michelle Ziegler

Immer wieder sitzen sie am Tisch und erzählen von ihren Vorstellungen, ringen mit den Worten, überlegen, stocken oder greifen zum Notizblock. Die drei Komponisten Urs Peter Schneider, Jürg Frey und Annette Schmucki haben die Türen zu ihrem persönlichen Refugium geöffnet: Sie lassen den Filmautor an der Entstehung eines Werks teilhaben, erzählen, wo sie an Grenzen stossen und wo es plötzlich wie von alleine vorwärtsgeht. Zudem zeigen sie sich im Alltagsleben in den eigenen vier Wänden, im Gespräch mit dem Partner, der Familie und Freunden.

Das Unbekannte als Antrieb

Urs Graf, Mitglied des Filmkollektivs Zürich, hat drei Komponisten bei der Entstehung eines Werks begleitet – von ihrer ersten Ahnung bis zur Uraufführung. Das Filmpodium der Stadt Zürich zeigt die drei entstandenen Filme in Zusammenarbeit mit dem Musikpodium, das vor der Filmvorführung jeweils Werke der Komponisten aufführen lässt und sie danach im Gespräch vorstellt.

«So ein halbstündiger stehender Klang ist einfach perfekt», erklärt der Aargauer Komponist Jürg Frey. Mit einem solchen Klang sei kompositorisch kein Wagnis verbunden. Diese ungefährliche Situation müsse man als Komponist zerstören. Die Eigenverantwortung des Urhebers, der ohne Vorgaben und Richtlinien quasi aus dem Nichts Musik kreiert, birgt es in sich. Dieses ästhetische Dilemma ist in den Filmen von Urs Graf immer präsent und wird von den drei Komponisten verschieden gehandhabt. Urs Peter Schneider verwendet Namen, um Strukturen abzuleiten, Jürg Frey notiert unentwegt in sein Notizbuch, und Annette Schmucki benutzt weisse Papierblasen als Inspiration für eine musikalische Architektur.

Doch es hilft nichts: Der Weg ins Unbekannte zehrt an den Kräften. Annette Schmucki muss sich geradezu gegen bekannte Muster wehren: «Ich wüsste jetzt so genau, wie weitermachen und wie sich aus dem einen das andere ergeben würde und wie man eben so ein Stück <bastelt>, sage ich jetzt einmal, um es nachher fertig zu machen, so dass es einen richtigen Annette-Schmucki-Klassiker gäbe.» Doch genau das langweilt sie.

Auf der Suche nach dem Unbekannten bei sich ist auch Urs Graf, der in den drei Filmen von der Regie über Kamera, Ton und Schnitt bis hin zur Produktion alles selbst ausgeführt hat: «Da ich nicht Musiker bin, heisst es für mich: ins Unbekannte meiner eigenen Arbeit. Für mich war es ein Abenteuer, etwas zu erforschen und darzustellen, das als Inbegriff des Unzugänglichen gilt.»

Der Zürcher Dokumentarfilmer Urs Graf hatte die drei Schweizer Komponisten vor zehn Jahren in einem Austausch zwischen Künstlern kennengelernt, den die «AG Fabrikkomposition» initiiert hatte. Die entstandenen Porträtfilme zeugen von Grafs Willen, das Entstehen einer Komposition als Laie nachzuvollziehen: «Meine Haltung ist die der Beharrlichkeit, dass ich nichts durchgehen lasse, was ich nicht verstehen kann. Die Komponisten mussten versuchen, sich jemandem verständlich zu machen, der nicht Komponist oder Musiker ist. Deshalb ist der Film einem breiten Publikum zugänglich.»

Neugierige Geduld

So erzählen die Filme auch vom eigenen Erleben des Autors, von seiner mit Neugierde gepaarten Geduld, mit der er jeweils die nächste Entwicklung im Kompositionsprozess abwartete. Seine Ruhe widerspiegelt sich im filmischen Umgang, der nichts spektakulärer macht, als es ist, und den Blick nicht dominant lenkt. Graf unternimmt Erkundungsgänge im und um das Haus der Komponisten. Diese Bilder, welche die Selbstverständlichkeit des Alltags so erfassen, färben die Porträts je eigen ein. Doch am Schluss bleibt jeweils nur die Musik: das neue Werk – integral.


Presse Uraufführung Solothurner Filmtage 2010

25. Januar 2010, Mittelland Zeitung
(Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung, Limmattaler Zeitung, Basellandschaftliche Zeitung, Grenchner Tagblatt, Langenthaler Tagblatt)

Die Zeit, der Raum

Entstehung eines Musikstücks als Film

Urs Graf hat den dritten Film zum Thema «Ins Unbekannte der Musik» fertiggestellt. „Annette Schmucki: Hagel und Haut“ feiert an den Solothurner Filmtagen seine Uraufführung.

Verena Zimmermann

«Die Musik...ist ja immer in der Zeit, so etwas Lineares. Aber eigentlich interessieren mich Räume. ...ein Klang, der sich ausdehnt und einfach ist. Keine Entwicklung und kein Fortfliessen...»: Die Komponistin Annette Schmucki hat mit der Arbeit an einer neuen Komposition begonnen und skizziert im Gespräch mit dem Filmautor Urs Graf, im Sommer 2007, was ihr vorschwebt und weshalb sie sich in ihrem Atelier zunächst mit grossen, weissen Kokonähnlichen Blasen beschäftigt. Es sind mit Seidenpapier beklebte Ballons, federleicht aufeinandergetürmt, mit wenigen Worten beschriftet. «Hagel und Haut» wird das Stück schliesslich heissen, das uraufgeführt wird im Dezember 2008 vom Collegium Novum in Zürich.

Zwei Sommer davor aber ist alles Suchen, Tasten, Entwerfen – die Arbeit mit Wörtern, «um Rhythmus, Struktur und Klanglichkeit anzulocken», die Beschäftigung mit Strukturen eines Hagelkorns, das Festhalten am Ziel, der Musik «eine Dichte und nicht eine Dauer» zu geben. Entschieden bricht die Komponistin zu etwas auf, was sie selbst noch nicht kennt. Dieser Weg interessiert den Filmautor. Urs Graf begibt sich sozusagen mit auf diesen Weg, hört zu und schaut zu, dem Arbeiten, dem Leben, im Atelier, in der Familie, mit dem Partner Christoph Brunner, dem Schlagzeug-Musiker, mit dem kleinen Sohn Basil.

Oft liegen Wochen zwischen den Aufnahmen. Oft spiegeln sich Fortgang oder Stillstand der Arbeit in Briefen, in E-mails. Urs Graf zitiert daraus, Zeit wird spürbar, auch in seinen Bildern vom Alltag im Dorf Cormoret, dem Kanal, dem kleinen Fluss, einer Quelle im Wald, der Berner Jura-Landschaft. Jahreszeiten, wechselnde Farben. Die Montage, ein vielfältiges Geflecht, hat ihre eigene Rhythmik, ihre eigene Musikalität.

Man muss keine musiktheoretischen Kenntnisse mitbringen, um angezogen zu werden von dieser filmischen Recherche und von diesem Suchen der Komponistin nach einer Musik, die über ihr bisheriges Schaffen hinausgeht. Dann, wenn der Film in die Aufführung des Stückes mündet, ist man ganz Ohr. Man hört den Raum, den Klang, «der einfach ist».

«Annette Schmucki: Hagel und Haut» ist der letzte von drei Filmen, mit denen Urs Graf sich dem Entstehen eines Musikstückes annähert. Ein aussergewöhnliches Projekt, über Jahre verfolgt, findet seinen Abschluss. Urs Peter Schneider (2005), Jürg Frey (2007), jetzt Annette Schmucki: Jeder der Filme ist anders geprägt, spiegelt andere Lebenslandschaften, unterschiedliche Temperamente, je eigene Ansatzpunkte. Umso faszinierender, wenn Verwandtes anklingt, ähnliche Auseinandersetzungen geführt werden.


Bieler Tagblatt, 21.1.2010

„Ich kann nie alles kontrollieren“

Raphael Amstutz

Begonnen hat es vor fünf Jahren mit dem Porträt des Komponisten und Bieler Kulturpreisträgers Urs Peter Schneider.

Regisseur Urs Graf nannte seine filmische Auseinandersetzung „36 Existenzen“ und zeigte den menschlichen Zwiespalt des Musikschaffenden: Die Sehnsucht nach etwas jenseits all dessen, was uns vorstellbar erscheint und der Wunsch nach einer letztendlichen Kontrolle unseres Tuns.

Allererste Ahnungen

Zwei Jahre später folgte das Porträt des Komponisten Jürg Frey („Unhörbare Zeit“). Nun ist Urs Graf in den Jura nach Cormoret gefahren und hat sich mit der in Zürich geborenen Annette Schmucki (1968) getroffen.

Dort lebt die Künstlerin seit fünf Jahren mit ihrem Mann und ihren Söhnen. Während zwei Jahren ist Graf Schmucki „ins Unbekannte der Musik“ gefolgt, hat Schmucki beobachtet, begleitet, befragt.

Die allerersten Ahnungen eines Stückes sind zu erleben, der weite Weg der Komposition bis hin zur Uraufführung. „Ich wünsche mir, dass diejenigen, die beim Zuhören vielleicht etwas befremdet, etwas irritiert sind, sich ob ihres eigenen Erstauntseins freuen können“, sagt Schmucki im Vorfeld der Aufführung. Gleichzeitig ist der Film von Urs Graf auch ein Porträt des Dorfes Cormoret im Vallon St.Imier.

Und wieder der Zwiespalt

„Der Hintergrund für mich, mein Komponistin-Sein ist, dass ich da meine ganze Aufmerksamkeit hinein gebe und meinen Willen – alles – und trotzdem merke, ich kann nie all das kontrollieren und es ist immer noch viel mehr und viel anderes als ich selber bin“, sagt die Künstlerin einmal und ist dabei wieder ganz nah am Zwiespalt, der bereits im Film über Urs Peter Schneider zur Sprache gekommen ist.

Mit „Annette Schmucki: Hagel und Haut“, der nun an den Filmtagen in Solothurn Premiere feiert, ist die „Komponistentrilogie“ des in Olten geborenen Filmrealisators abgeschlossen.