Jürg Frey: Unhörbare Zeit

Ins Unbekannte der Musik

Schweiz 2007. 4:3, Dolby, Farbe+s/w, 113 min.
 

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Ein Musikstück entsteht. Der zweite Film der kleinen Reihe "Ins Unbekannte der Musik": Der Komponist Jürg Frey lässt den Filmautor Urs Graf in freundschaftlicher Nähe an seinem Leben und seinem musikalischen Schaffen teilhaben, lässt ihn miterleben, wie ein Musikstück langsam entsteht, wie es zwischen Ahnung und klarer Vorstellung zu sich findet. Eine diffizile Gratwanderung des Komponisten zwischen gestaltendem Zugriff und der unberührten Schönheit des einfachen und eindeutigen musikalischen Materials. Intime Einblicke in ein künstlerisches Schaffen, das als Inbegriff des Unzugänglichen gilt – über anderthalb Jahre hinweg, bis zur Uraufführung des Stücks.
Der erste Film der Reihe "Ins Unbekannte der Musik" entstand 2004-06: "Urs Peter Schneider: 36 Existenzen".

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RegieUrs Graf
KameraUrs Graf
TonUrs Graf
SchnittUrs Graf, Marlies Graf Dätwyler
MusikFrey, Beuger, J.S. Bach, Crusell, T. Johnson, Ch. Wolff, Forqueray, Tallis, Mozart, Haydn
Dauer113 min.
Vorführformate4:3, Dolby
DrehformatDVCam
Verleihversionenschweizerdeutsch/deutsch / Digi-Beta, Beta-SP, DVCam, DVD mit deutschen Untertiteln
UraufführungSolothurner Filmtage 2007
Verleih SchweizLookNow!
Bea Cuttat, Gasometerstrasse 9, CH-8005 Zürich – info@looknow.ch
Tel. +41 44 440 25 44 – Fax +41 44 440 26 52 – www.looknow.ch
WeltrechteUrs Graf, Blumenfeldstr. 31, 8046 Zürich
ursgraf.film@bluewin.ch
ProduktionFilmkollektiv Zürich
ISAN0000-0000-DCD5-0000-J-0000-0000-H


Pressedownloads


Pressestimmen

Siehe auch: Pfeil  Pressestimmen zur Aufführung der 3 Filme »Ins Unbekannte der Musik« 2010

Mittelland Zeitung (Solothurner Zeitung, Oltner Tagblatt), Donnerstag, 25. Jan.2007. Verena Zimmermann

Freiräume musikalischer Kreativität ausmessen

Urs Graf bringt mit "Jürg Frey: Unhörbare Zeit" den zweiten Film seines dreiteilig angelegten Projektes "Ins Unbekannte der Musik" zur Uraufführung

Die Musik, die wir im letzten Drittel von Urs Grafs Film "Jürg Frey: Unhörbare Zeit" hören, ist eine wunderbare intensive Erfahrung, im Hören ebenso wie im Sehen. Jürg Freys Stück "Unhörbare Zeit" geht an subtilste Grenzen von Fragilität, wirkt mit der sinnlichen Qualität von Klängen in einer komplexen klaren Struktur. Die Bilder, eine Komposition der Aufnahmen aus vier Kameras, von langsamsten, behutsamen Schwenks, von Nahaufnahmen und Totalen, geben der räumlichen Konzeption des Stücks Ausdruck. Zwar machen wir nicht die Live-Erfahrung des Publikums im Konzertsaal, aber bekommen mit diesen Bildern Momente und Aspekte der Interpretation so vermittelt, wie es nur dem Medium Film möglich ist.

In dieses Konzert mündet der insgesamt 113 Minuten lange Film. Im ersten, längeren Teil hat Urs Graf schrittweise das Entstehen dieses Musikstückes verfolgt. Nun erkennt man manches wieder. So vieles, was Jürg Frey während des Arbeitsprozesses skizziert hatte, ist da, hat sozusagen Gestalt angenommen. Fast, als würden Versprechen eingelöst. Auch deshalb sind Hören und Sehen so eindrücklich.

"Was eigentlich ist Still-Werden... Was geht da vor, wenn es still wird?" fragt der mit Jürg Frey befreundete Komponist und Musiker Antoine Beuger in einer frühen Szene des Films. Tags zuvor hatte Jürg Frey als Klarinettist an der Aufführung eines Stücks von Beuger mitgewirkt. Früh auch spricht Jürg Frey zu Urs Graf von der Vorstellung eines stehenden Klangs in einem Raum, in dem vier Streicher und zwei Schlagzeuger nicht wie üblich eng beieinander spielen, sondern "den ganzen Aufführungsort ausfüllen, also Raum einnehmen... Und gleichzeitig hatte ich die Vorstellung, ...der Raum ist da und es ist ein stehender Klang von diesen Streichern und den zwei Schlagzeugern - das ist quasi die Ausgangssituation..." Der stehende Klang, ein ganzes Stück lang, er wäre perfekt, überlegt Jürg Frey weiter, "aber kompositorisch ... kein Wagnis. ...diese Situation... - ja, man muss sie zerstören."

Vierzehn Monate später, Anfang März 2006, als das Stück von dem kanadischen Bozzini-Quartett und den Schlagzeugern Tobias Liebezeit und Lee Ferguson im Kultur- und Kongresshaus Aarau uraufgeführt wird, hören wir eine Spur noch des stehenden Klangs. Hören raumgreifende Stille. Hören Klänge, Geräusche, nach denen Jürg Frey getastet hatte, das Reiben von Stein auf Stein, das Rascheln dürren Laubes. "... je konkreter die Klänge werden, desto grösser ist...die Gefahr... -die Klänge haben ja eine starke sinnliche Qualität und die Klänge melden sofort ihre eigenen Bedürfnisse an, von Anwesenheit, von Dauer und von sinnlicher Präsenz": Immer wieder nimmt Jürg Frey während des Kompositionsprozesses Distanz, reduziert, wehrt sich gegen das Überhandnehmen von Ideen, die leicht den Weg zu dem Stück, "von dem ich eine gefühlsmässig atmosphärische Vorstellung habe", verstellen könnten.

Obwohl sich manches von diesem differenzierten musikalischen Denken nur schwer in Worte fassen lässt, setzen sich viele Ausführungen doch fast bildlich fest und lassen einen fasziniert und neugierig diese ungewöhnliche filmische Recherche weiterverfolgen. Mehrere Motiv- und Themenstränge sind ineinandergeknüpft. Zwanglos haben Jürg Frey und seine Familie mit der Tochter, den zwei Söhnen und mit Elisabeth Frey-Bächli, die wir am Clavichord, am Cembalo, am Klavier und an der Orgel hören, an ihrem Alltag mit der Kamera teilnehmen lassen. Was als Lebenslandschaft sichtbar wird und der unspektakuläre Alltag wirken als grosser Freiraum für eine Kreativität, die über den Rahmen des Vertrauten hinausgeht.

Blicke ins Draussen, auf Herbstblätter, auf Rauhreif, ins lautlose Schweben weisser Samen im Wind legen die Spur der laufenden Zeit durch den Film hindurch. Urs Graf montiert - mit Marlies Graf Dätwyler - Bilder, die Klängen gleichen. Die nachts aufgenommenen Bildnotizen - Details, Bücherrücken, Fotos, kleine Gegenstände, Zettelnotate - fassen Stille, ein Lichtstreifen fährt über das Bild: Zeit, einen Augenblick lang. Unhörbar.

Das Interesse für neue Musik und für ein "Schaffen, das über die Grenzen der (eigenen) ästhetischen Konventionen hinaus zu gelangen versucht", hat Urs Graf bewogen, drei Filme mit drei zeitgenössischen Komponisten unterschiedlicher musikalischer Ausrichtungen zu realisieren. Den ersten, "Urs Peter Schneider: 36 Existenzen", hat er an den letzten Filmtagen uraufgeführt; einen dritten Film wird er mit Annette Schmucki drehen.